Von der Leyens obskurer Lebenslauf

Anscheinend hat Ursula von der Leyen zweimal Abitur gemacht, dabei drei verschiedene Noten erzielt und bis zu viermal studiert.


In der Schule war von der Leyen sehr erfolgreich. Alle von ihr erzielten Abiturnoten sind weit überdurchschnittlich. Das gilt nicht nur für das Abitur mit 17 Jahren (also 1976) und Notenschnitt 0,7 von dem Constantin Magnis im Cicero schreibt. Das gilt auch für die Abiturnoten 0,8 die hier in der Süddeutschen und 1,2 die hier im Focus ohne Jahreszahl angeführt werden. Letztere sind ggf. dem Abitur mit 18 Jahren im Jahre 1977 zuzuordnen, von dem von der Leyens Biografen Ulrike Demmer und Daniel Goffart aus der Focus-Redaktion in Kanzlerin der Reserve, Seite 238 berichten.

Der Bruch in der Biografie

Die schulische Überfliegerin wirkt an der Universität überfordert. Die Folge sind überdurchschnittlich lange und unterdurchschnittlich erfolgreiche Studien. Die von der Leyen ihren eigenen Worten zu Folge nicht einmal genossen hat. Jedenfalls spricht sie im Interview mit dem Focus von Vereinsamung, Isolation und „anonymen Massenbetrieb der Uni.“ Egal, ob sie ein Studium abbrach oder zwei, ihre Studentenzeit scheint das dunkle Kapitel ihrer Lebensgeschichte zu sein im Sinne eines Sturzes in nicht gekannte Tiefen.

Zugleich ist dieses Kapitel dunkel im Sinne von unklar und unerforscht. Obwohl seit 2015 gleich zwei Biografien zur Verfügung stehen.

Besonders obskur wird es 1976/77. Seinerzeit studierte Ursula von der Leyen laut Bild Archäologie in Göttingen. Ihre Biografen Ulrike Demmer und Daniel Goffart aus der Focus-Redaktion verorten sie im gleichen Jahr dagegen am Gymnasium in Lehrte (Quelle: Kanzlerin der Reserve, Seite 238). Peter Dausend und Elisabeth Niejahr (beide von der Zeit) lassen in der Vita auf Seite 6 der Biografie Operation Röschen für diesen Zeitraum eine unkommentierte Lücke.

Trotz aller Widersprüche sind sich die Biografen in zwei Punkten einig: Von der Leyen hat Archäologie studiert (Quelle: Operation Röschen, Seite 33, Kanzlerin der Reserve, Seite 43.) Und sie hat nicht Archäologie studiert (Quelle: Operation Röschen, Seite 6, Kanzlerin der Reserve, Seite 238). (Anmerkung vom 05.08.2018: Die vier vorstehenden Links führten im November 2017 direkt zu den entsprechenden Passagen bei books.google.de. Derzeit stellt google überhaupt keine Leseprobe von „Operation Röschen“ zur Verfügung. Zur „Kanzlerin der Reserve“ gibt es nach wie vor eine Leseprobe, aber derzeit ist eine manuelle Navigation zur entsprechenden Seite notwendig)

Margarete Hucht, die eine Besprechung beider Biografien für den Spiegel schrieb, entdeckte diese Parallele übrigens nicht. Sie behauptet, die Kanzlerin der Reserve kratze am Lack, indem sie die lange Studienzeit und ein abgebrochenes Archäologiestudium thematisiere. Dabei impliziert sie fälschlich, in Operation Röschen würde beides übergangen. Hucht hat wohl beim Querlesen nur Kanzlerin der Reserve, Seite 43 und Operation Röschen, Seite 6 wahrgenommen. Hätte sie stattdessen Operation Röschen, Seite 33 und Kanzlerin der Reserve, Seite 238 betrachtet, wäre sie wohl zum gegenteiligen Ergebnis gekommen.

Von der Leyens Selbstdarstellung

Von der Leyens eigene Website suggeriert einen nahtlosen Übergang vom Gymnasium zum VWL-Studium in Göttingen im Jahr 1976. Und lässt somit keinen Raum für ein abgebrochenes Archäologie-Studium. Und von der Leyen sollte es eigentlich wissen. Die Uni Göttingen allerdings auch. Und letztere datiert hier den Beginn des VWL-Studiums auf das Jahr 1977.

Es gibt eine Reihe von veröffentlichten Lebensläufe, die anscheinend direkt auf die Angaben Ursula von der Leyens zurückgehen. Sie nennen jeweils kein Archäologie-Studium:

  • Auf Bundesregierung.de mit unkommentierter Lücke 1976/77
  • Beim Bundesministerium für Verteidigung mit unkommentierter Lücke 1976/77
  • In von der Leyens Doktorarbeit mit VWL-Studium 1976/77
  • Auf den Seiten der Abgeordneten von der Leyen mit VWL-Studium 1976/77
  • Die gleiche Seite vor September 2017 lässt 1976/77 eine unkommentierte Lücke und datiert den Beginn des VWL-Studiums auf das Jahr 1977. Zur Vorgeschichte dieser Änderung: im September 2017 kontaktierte ich die Uni Göttingen mit Bitte um Klärung. Die Uni fasste beim Wahlkreisbüro von der Leyens nach. Das führte zur o.g. Änderung. Doch von der Leyen hat nicht eingewilligt, dass die Uni ihre Studiendaten, also personenbezogenene Daten, vollständig veröffentlicht. Folge: Die Uni Göttingen darf sich nicht dazu äussern, ob von der Leyen dort Archäologie studiert hat oder nicht.

Bewertung

Archäologie oder nicht Archäologie, das ist hier die Frage!

Entweder Schlamperei von Journalisten

Wenn von der Leyen tatsächlich niemals im Studienfach Archäologie eingeschrieben gewesen sein sollte, dann liefern die mit diesem Thema befassten etablierten Journalisten ein schwaches Bild.

Oder fehlende Wahrheitsliebe von der Leyens

Falls von der Leyen erfolglos Archäologie studiert hat vor ihrem abgebrochenen Studium der VWL, dann rücken die Zweifel an von der Leyens Wahrheitsliebe in den Vordergrund. Dann würde nachvollziehbar, warum so viele beteiligte Journalisten daran scheiterten, von der Leyens Lebenslauf zu klären. Möglicherweise wurden sie mit einem entwaffnenden Lächeln belogen, wo sie nicht mit Lügen rechneten. Das wäre natürlich keine Entschuldigung für eine unsorgfältige Recherche. Aber immerhin eine Erklärung.

Kein Quanteneffekt

Wenn Ursula von der Leyen 1976/77 zugleich Schülerin, Archäologiestudentin und VWL-Studentin gewesen sein soll, dann ist dies nicht durch einen Quanteneffekt zu erklären. Obwohl ich diesen Beitrag gerne Quantenministerin von der Leyen überschrieben hätte. Auch wenn die Situation an Schrödingers Katze erinnert, die zugleich tot als auch nicht tot ist. Ein Gedankenexperiment, mit dem Schrödinger Quanteneffekte verdeutlichen wollte.