Digitalisierung ist kein Modewort

Der Philosoph Walther Ch. Zimmerli stellt in einem Essay in der Neuen Zürcher Zeitung den Begriff „Digitalisierung“ in Frage und entlarvt vermeintlich das Begriffspaar „analog“ und „digital“ als Bullshit.

Zimmerli überschreibt seinen Text mit einer provokanten These: „«Analog» und «digital» gelten als Gegensätze. Doch diese Trennung ist «Bullshit»“. Er schliesst ihn ab mit einem Appell, die Verwendung des Begriffspaars „analog“ und „digital“ besser zu reflektieren: „In der unreflektierten exzessiven Verwendung, die dieses Begriffspaar gegenwärtig findet, sind es leere Worthülsen“  

Mir ist die Sphäre fremd, in der dieses Begriffspaar gegenwärtig unreflektiert und exzessiv Verwendung findet. Das liegt sicherlich nicht nur daran, dass ich Elektroingenieur bin und deshalb die sinnhafte Verwendung dieser Begriffe gelernt habe und täglich erlebe. Ich vermute, dass Zimmerli in seinem Essay die bestehende Verwirrung maßlos übertreibt. 

Natürlich bin ich nicht blind dafür, dass missbräuchliche und fehlerhafte Verwendungen solcher Begriffe vorkommen. Genau wie die Begriffe „Strom“, „Spannung“ und „Elektrizität“ häufig verwechselt werden. Doch nur wegen Verwechselungen, die bis hin zur Wortschöpfung „Stromspannung“ in Reiseführern reichen, sollte man keinen dieser Begriffe als untauglich, als Bullshit abwerten.

Begriffsdefinitionen

Digital bedeutet in Technik und Physik: „Stufenförmig, nur diskrete, d.h. nicht stetig veränderliche Werte annehmend; in diskrete Einzelschritte aufgelöst; Gegensatz: analog (im Sinne von stufenlos, stetig, kontinuierlich)“

Diese Definition stammt aus dem Jahre 1988 und ist meinem Brockhaus entnommen. Sie ist auch nach 30 Jahren noch aktuell. Soviel zu Zimmerlis These, die Begriffe „digital“ und „analog“ seien Modeworte.

Digitalanzeige definiert mein Brockhaus wie folgt: „in vielen Bereichen (vor allem im Meßwesen) die -> Analoganzeige verdrängende Anzeigeart, bei der vor allem gemessene oder eingestellte Werte einer Analoggröße oder auch alphanumerische Daten digital, d.h. ziffernmäßig oder durch Buchstaben, dargestellt werden (z.B. Bei Digitaluhren). Die Digitalanzeige erfordert eine Analog-Digital-Wandlung der Analogwerte oder eine Zählung (z.B. der Schwingungsperioden bei digitaler Frequenzanzeige). Die Digitalanzeige erfolgt gewöhnlich mit Lumineszenzdioden oder Flüssigkristallzellen.“ 

Beispiel

Übliche Plattenspieler arbeiten rein analog. Die Musik ist auf Schallplatten in Form eines analogen Höhenprofils gespeichert. Daraus werden analoge Signale für die Lautsprecher erzeugt. Übliche CD-Player dagegen arbeiten intern digital, und erzeugen aus digitalen Daten (sprich Zahlenfolgen) analoge Signale für die Lautsprecher.

Geläufige Irrtümer

„Digital“ wird häufig mit „elektronisch“ oder mit „maschinenlesbar“ verwechselt. Da diese Eigenschaften häufig Hand in Hand gehen, werden diese Begriffe leicht irrtümlich gleichgesetzt. „Mechanisch“ wird umgekehrt gerne mit „analog“ gleichgesetzt.  

Wenn man eine CD neben eine Kompaktkassette legt, werden die meisten Betrachter den Dualismus digital vs. analog zu erkennen glauben. Doch obwohl Kompaktkassetten zur analogen Speicherung von Musik und Sprache entwickelt wurden, lassen sich darauf auch digitale Daten speichern. Wer einen C64 sein eigen nannte, erinnert sich vielleicht. Das Medium Kompaktkassette kann also mit analogen Verfahren betrieben werden oder mit digitalen.

Das gleiche gilt für das Medium Papier, weshalb auch die Gleichsetzung Papier = analog falsch ist. Ein unformatierter Text ist in keinerlei Hinsicht „analog“, auch wenn er auf Papier festgehalten ist. 

Als die Deutsche Bahn 2017 bekannt gab, Stellwerke modernisieren zu wollen, konnte man beim eigentlich höchst kompetenten Heiseverlag lesen: „Die Zukunft der Deutschen Bahn soll digitaler werden.“ Die unsinnige Steigerungsform rührte sicherlich daher, dass dem Autor schon irgendwie klar war, dass auch die zu ersetzenden Stellwerke digital sind. Tatsächlich gab es eine Folge digitaler Stellwerkgenerationen – aber kein einziges analoges Stellwerk. Denn Weichen und Signale sind ihrem Wesen nach digital. Deshalb fällt schon das Stellwerks-Patent DE47718A von 1888 in die Kategorien mechanisch und digital. 

Zahlenmässige Untersuchung der Begriffsverwirrung

Ich habe die Häufigkeit bestimmter sinnvoller und sinnloser Begriffspaarungen im Internet mit Hilfe von Google Suchanfragen ermittelt, um die Häufigkeit von Begriffsverwirrungen abzuschätzen. Ich habe das am Beispiel Elektrizitätszähler gemacht, weil das meinem beruflichen Hintergrund entspricht.

Ergebnis

Von den 4 Adjektiven mechanisch, elektronisch, analog und digital wird „elektronisch“ mit 147.720 Treffern am häufigsten mit dem Begriff Elektrizitätszähler kombiniert. Das ist erfreulich, denn im Themenfeld Elektrizitätszähler ist das ein tatsächlich höchst relevanter Begriff. Auf den Plätzen 2 und 3 liegen mit 27170 bzw. 3173 Treffern „digital“ bzw. „analog“, was ein Indiz für eine Begriffsverwirrung ist. Erst auf Platz 4 folgt „mechanisch“ mit 2225 Treffern.

Über 30.000 Suchtreffer deuten auf eine Begriffsverwirrung hin, wie sie Zimmerli in seinem Essay diskutiert hat. Doch das entspricht nur 17% der insgesamt 180.000 betrachteten Suchtreffer. Soviel zu Zimmerlis These von der unreflektierten exzessiven Verwendung des Begriffspaars „digital“ und „analog“.

Hintergrundwissen

Es gibt mechanische und elektronische Elektrizitätszähler. Beide Arten verfügen über eine Digitalanzeige und arbeiten intern digital. Zählen ist ein digitaler Vorgang. Elektronische Elektrizitätszähler lösen vermehrt mechanische ab. Deshalb gibt es gute Gründe, die Adjektive mechanisch und elektronisch im Zusammenhang mit Elektrizitätszählern zu benutzen. 

Wenig Berechtigung haben dagegen die Adjektive digital bzw. analog in diesem Zusammenhang. Denn analoge Elektrizitätszähler gibt es nicht, und hat es nie gegeben. „Digitaler Elektrizitätszähler“ ist dagegen wie „weisser Schimmel“ oder „nasses Wasser“ ein Pleonasmus. 

Die Bezeichnung „Stromzähler“ habe ich bei meiner Zählung wie im Sprachgebrauch üblich als Synonym für „Elektrizitätszähler“ gewertet, obwohl sie strenggenommen Zeichen einer eigenen Begriffsverwirrung ist. Stromzähler, die in Gleichstromanwendungen tatsächlich elektrische Stromstärke über die Zeit aufsummieren, haben laut Wikipedia keine praktische Bedeutung mehr und sind allenfalls von historischem Interesse. 

Details zur Auswertung

Zu jedem Adjektiv wurden 4 Google-Anfragen getätigt, um sowohl Singular/Plural als auch Elektrizitätszähler/Stromzähler zu erfassen. Die Ergebnisse wurden jeweils addiert, wobei natürlich Doppelzählungen möglich sind. In folgender Darstellung sind Singular/Plural bereits addiert. Die Ergebnisse für Elektrizitätszähler bzw. Stromzähler sind getrennt ablesbar. Dadurch auffällig: Die Kombination „analoger Elektrizitätszähler“ ist sehr selten. Autoren, die Strom und Elektrizität unterscheiden können sind anscheinend auch in der Lage, die Begriffe „mechanisch“ und „analog“ sachgerecht zu verwenden.

 StromzählerElektrizitätszählerSumme
analoge(r)317213173
digitale(r)2700017027170
mechanische(r)91013152225
elektronische(r)12994017780147720

Beispielsuche google(„analoge stromzähler“)Zahlenbasis.

Einordnung der Ergebnisse

Aus dem Vorgesagten sollte klar geworden sein, dass Elektrizitätszähler nicht im Wortsinn vom Phänomen der Digitalisierung betroffen sind. Doch durch die zunehmende Verbreitung elektronischer Elektrizitätszähler (wenn man so will: die Elektronifizierung der Elektrizitätszähler) werden disruptive Veränderungen möglich, die genau zu dem passen, was man üblicherweise mit „Digitalisierung“ verbindet. In diese Richtung weist beispielsweise das Nilm-Projekt, das aus Zählerdaten Zusatznutzen für Industrie, Gewerbe & Handel generiert. Und das Projekt Zelia (Zuhause eigenständig leben im Alter), mit einem Frühwarn- und Alarmierungssystem für ältere Menschen, das auf der Analyse von Strom- und Wasserverbrauchsdaten beruht. Oder das Projekt QuoVadis, das zum Wohle demenzkranker Menschen ebenfalls Zählerdaten einsetzt.

Schlußfolgerung

Der Begriff „Digitalisierung“ wird zukünftig vermutlich breiter verwendet werden, als der ursprüngliche Wortsinn erwarten lassen würde. Er kann ggf. auch „Elektronifizierung“ oder eine Neuausrichtung einer bereits bestehenden Datenverarbeitung meinen. An ähnliche Verschiebungen hat man sich beim Begriff „Strom“ seit langem gewöhnt. Dessen Bedeutung reicht über den ursprünglichen Wortsinn weit hinaus. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Begriffe „Strom“ oder „Digitalisierung“ bedeutungsleer wären oder die damit bezeichneten Phänomene überbewertet würden.

Anmerkung zu Zimmerlis Essay

Um die Begriffe „analog“ und „digital“ zu erklären, versucht Zimmerli sich am Spezialfall Uhren. Und ordnet zu: Uhren mit Ziffernblatt = analog, mit Zahlenanzeige = digital. Selbst wenn diese Zuordnung bezogen auf die Anzeige richtig wäre, irrt sie bezogen auf die innere Funktion der Uhren.

Die Repräsentation der Zeit in schwingenden Pendeln oder schwingender Unruh ist jeweils analog. Aber direkt dahinter sitzt jeweils ein mechanischer Diskretisierer, der die analoge Eingabe in ein digitales Taktsignal wandelt. Das weitere Räderwerk dient der Zählung dieser Takte.

Die scheinbar analoge Darstellung der Uhrzeit mit Hilfe von Zeigern und Ziffernblatt ist bei den meisten Uhrtypen tatsächlich diskret. Tickt eine Uhr im Sekundentakt, dann tickt sie am Tag 86.400 mal. Ihre Anzeige kann 86.400 diskrete Zustände anzeigen. Kein analoges Kontinuum!

Uhren sind ganz allgemein schlecht geeignet, den Unterschied analog/digital zu erklären. Viele Uhren sind genau genommen digital. Die Zählung von Stunden mit Sanduhren ist digital. Kirchtürme geben die Zeit mit Glockenschlägen digital wieder. (Erste Stunde, zweite Stunde etc., kein analoges Kontinuum)

Als Denkanstoss mag Zimmerlis Essay trotzdem hilfreich sein. Eine geeignete Warnung, vor mißbräuchlichen Verwendungen des Begriffs „digital“ auf der Hut zu sein.