Als die Waffenpatente Online gingen

1998/99 stellten das europäische und das US-amerikanische Patentamt ihre Patente online. Dadurch wurden Abertausende Waffenpatente frei verfügbar. Seitdem kann jeder Verbrecher ungehindert auf ungezählte Anleitungen zum Bombenbauen zugreifen.

(english version)

Die Patentschriften des europäischen Patentamts EPO gingen am 19.10.1998 online. Also exakt 6 Monate nach Auflösung der RAF und 35 Monate vor dem 11. September 2001. Das US-amerikanische USPTO folgte am 21.04.1999.

Die Veröffentlichungen kamen zu spät für die Deutsche Terrorgruppe Rote Armee Fraktion. Die RAF war 1970 gegründet worden, 29 Jahre bevor das USPTO die Büchse der Pandora öffnete. Die Gründer der RAF waren bereits 1972 in Haft. Die letzte Generation erklärte am 20.04.1998 ihre Selbstauflösung (Quelle). Seinerzeit wurde Patentwissen überwiegend auf Papier und Mikrofilm verbreitet.

Keines der Verbrechen der RAF ist auf die Nutzung von Anleitungen aus Patentschriften zurückzuführen. Es wäre absurd anzunehmen, ein Andreas Baader oder eine Ulrike Meinhof wären nach München gefahren, um sich im Patentamt in Sachen Waffentechnik zu belesen.

Die Verbrechen der Al Qaida erfolgten in einer anderen Situation. Für einen Mohammed Atta war beispielsweise das zum Umgang mit Thermit notwendige Fachwissen aus Patentveröffentlichungen einfach zugänglich.

Damit will ich nicht sagen, dass bei den Verbrechen des 11. September 2001 Thermit im Spiel war. Aber ich widerspreche der in diesem Zusammenhang geläufigen Argumentation, dass Herstellung und Nutzung von Thermit Geheimwissen erfordert hätte, das Al Qaida 2001 nicht gehabt haben könne.

Anmerkungen:

  • Der Jahresbericht 1998 des EPO nennt die Zahl von 30 Millionen Patenten, die am 19.10.1998 im Volltext online gestellt wurden.
  • Michael J. White schrieb in dem Paper Electronic Resources Reviews: „[…] the creation of esp@cenet was a watershed event in the history of patents. In the click of a mouse button, the EPO revolutionized public access to international patent information, releasing patent data from its paper prisons and changing forever how patents are disseminated, organized, searched, and retrieved. No longer would inventors and entrepreneurs be forced to travel great distances in order to search patents at specially designated libraries.“
  • Die grundlegenden Weichenstellungen hierfür erfolgten bereits im Juni 1988, wie das EPO 2008 in dem Rückblick „20 years of patent information“ erklärt. In diesem 12-seitigen Dokument erwähnt das EPO mit keinem Wort die möglichen Gefahren, die beispielsweise von US Patent 5,698,812 Thermite destructive device in den Händen von Terroristen ausgehen könnte. Zwei Jahre nach Gründung von Architects & Engineers for 9/11 Truth, von denen die offiziellen Untersuchungen als unzureichend entlarvt wurden ignoriert das EPO anscheinend auch sämtliche politische Diskussionen um „Anleitungen zum Bombenbauen aus dem Internet“. So geisterte schon 2007 die Idee herum „Herunterladen von Anleitungen zum Bombenbauen sollte strafbar sein“ – ohne dass Anleitungen zum Bombenbauen aus Patentdatenbanken bedacht worden wären. 
  • Das USPTO kündigte seine Veröffentlichungen in einer Presseerklärung vom 19.04.1999 an. Sie erfolgten am 21.04.1999 um 9:30. Also exakt 12 Monate nach Auflösung der RAF und 29 Monate vor dem 11. September 2001.
  • Die US-Administration wollte sicherlich nicht das Verbrechen fördern. Möglicherweise wurden die Risiken nicht einmal diskutiert, die sich aus uneingeschränktem Zugriff auf Waffenpatente ergeben. Es ging um Wirtschaftswachstum und Jobs, wie aus dieser Presseerklärung vom 25.06.1998 hervorgeht.
  • Auch der Fachartikel „Europe in the pole position of global patent information“ von Manfred Schmiemann benannte 1998 keine Risiken durch Waffenpatente. World Patent Information, Volume 20, Issues 3–4, September–December 1998, Pages 167-169 und auch nicht der Artikel „The Internet“ in der gleichen Ausgabe von World Patent Information.
  • Mein Beitrag Verschärftes #Neuland Szenario für Zerstörung des WTC diskutiert zwar die Hypothese, dass Mohammed Atta keinen Zugang zum Internet hatte. Aber der Beitrag ist Satire. Das Internet war in Deutschland 2013 nicht #Neuland. Die Technische Universität Hamburg-Harburg stellte ihren Studierenden schon in den 1990ern leistungsfähige Internetzugänge zur Verfügung. Und eine Bibliothekarin hat bezeugt, dass Mohammed Atta regelmässig in der Bibliothek der Technischen Universität Hamburg-Harburg war, um dort das Internet zu nutzen (Quelle: Spiegel.de).
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