Offener Brief an die Verteidigungsministerin

Entsorgung von 170.000 Gewehren Typ G36

Sehr geehrte Frau Dr. von der Leyen,

Ich bin fasziniert von Ihrem Mut zu unpopulären Entscheidungen, wie beispielsweise Ihrer Entscheidung von 2005, in Niedersachsen das Blindengeld abzuschaffen.

Ich muss lobend anerkennen, dass Sie sich bereits 2009 kritisch mit dem Medium Internet auseinandersetzten, während für Ihre Chefin, Frau Dr. Angela Merkel, das Internet noch 2013 Neuland darstellte. (#Neuland auf Spiegel.de, #Neuland auf Stern.de.) Ich denke allerdings, dass Ihre unpopuläre Initiative für geheime, unkontrollierbare Zensur von Inhalten im Internet zu Recht mit dem Big Brother Award ausgezeichnet wurde.

Ich bin Ihnen dankbar dafür, daß Sie mich einen unverkrampften Umgang mit meiner eigenen Biographie gelehrt haben. So wie Sie bis zum Dezember 2013 auf einer übersichtlichen Website bescheiden für die Jahre 1992 – 1996 einen „Aufenthalt in Stanford, Californien/USA“ anführten, schrieb ich in meinem Lebenslauf für den September 1995 von einem „Sprachkurs in Paris“. Ihre Website ab Mai 2014 ist zwar extrem unübersichtlich – aber mit schicken Graphiken aufgepeppt. Und inhaltlich aufgewertet durch die Angabe „Auditing guest an der Stanford University, Graduate School of Business“. Den Status „Auditing guest“ kennt die Stanford University zwar anscheinend nicht, stört sich diesem Artikel auf spiegel-online zur Folge in Ihrem Fall aber nicht an dieser Angabe. Davon inspiriert will ich meinen Sprachkurs am ccfs in Zukunft als Studium der französischen Kultur und Sprache an der Sorbonne ausweisen, was den Kurs in ein glänzenderes Licht rücken wird.

Ich muss lobend anerkennen, dass Sie zumindest im Zusammenhang mit der Verbrecherbande des IS dem falschen, gefährlichen und unproduktiven Narrativ vom Krieg gegen den Terror widersprechen. Und obwohl ich Ihren Ansatz, Gewalt mit Gewalt beenden zu wollen für extrem fragwürdig halte, verstehe ich Ihren Fokus auf das weltpolitische Brände-Löschen. Brände-Löschen ist faszinierend. Brände-Löschen ist das, was ein kleiner Junge am Beruf des Feuerwehrmanns sicherlich als erstes wahrnimmt. Ich möchte Ihnen keinesfalls vorwerfen, dass Sie einen aktuellen Brand im Nahen Osten löschen wollen. Doch wie sich der erwachsene Feuerwehrmann auch für vorbeugenden Brandschutz einsetzt, sollten auch Sie sich für Vorbeugung einsetzen. Das führt zum Kern meines Anliegens:

Was soll mit den 170.000 in der Praxis (insbesondere in einer den verfassungsmässigen Auftrag der Bundeswehr berücksichtigenden in Europa beheimateten Praxis)  sehr gut funktionierenden Gewehren des Typ G36 nach Ihrer Ausmusterung passieren? Werden sie verschrottet? Oder werden sie an einen aktuellen oder zukünftigen Despoten verscherbelt?

Verschrotten Sie das G36! Oder belassen Sie es aus finanziellen und ökologischen Gründen einfach bei der Truppe! Aber fachen Sie damit bitte nicht den nächsten Flächenbrand an!

Ich persönlich habe zwar keine Erfahrung mit dem G36, denn ich wurde am G3 ausgebildet. Auch das G3 war nach meiner Einschätzung ein sehr gutes Gewehr. Sie mögen mich für voreingenommen halten, aber Deutschlands Probleme im 20. Jahrhunderts lagen nach meiner Einschätzung nicht in mangelhaftem Stahl oder aus anderen Gründen unzureichenden Waffen begründet. Deutschlands wesentliche Probleme im 20. Jahrhundert lagen wohl eher in der Inkompetenz und Unmoral der politischen Führung begründet. Wobei natürlich zu prüfen bleibt, inwieweit kapitalistische Institutionen wie die Deutsche Bank AG oder die Daimler-Benz AG zu Deutschlands Problemen im 20. Jahrhundert beitrugen. Der Vorstandsvorsitzender der Daimler AG hat jedenfalls noch nicht beantwortet, ob sich schon vor 1933 die Daimler-Benz AG als Förderer der NSDAP engagierte. Ich persönlich hatte keine Probleme mit dem G3, an dem ich ausgebildet wurde. Ich hatte Probleme mit dem Atomraketenwerfer, an dem ich ausgebildet wurde – und dem wenig kompetenten Umgang der politischen Führung mit dem Atomwaffensperrvertrag.

Sicherlich, das Material der Deutschen Flotte im I. Weltkrieg hätte bestimmt noch besser sein können. Dass es besser war als das der Britischen Flotte, hat der Lauf der Geschichte und insbesondere die Schlacht am Skagerrak m.E. hinreichend belegt. Doch Wikipedia gibt ganz richtig zu bedenken: „Bemerkenswert ist, dass der deutsche Flottenbau entscheidend zur Verschlechterung der britisch-deutschen Beziehungen vor 1914 beigetragen hatte, während die Seestreitkräfte dann aber nicht entscheidend in den Kriegsverlauf eingreifen konnten.“ Ich werte das als Beleg für die Inkompetenz der damaligen politischen Führung. Das G36 mag das beste Gewehr seiner Preisklasse sein, aber Sie wünschen ein noch besseres. Und an den in Laborergebnissen gefundenen „objektiven Schwächen“ der Waffe kann ja kein ernsthafter Zweifel bestehen.

Denn das G36 teilt diese „objektiven Schwächen“ mit dem Rest unseres Universums. Fast alle Metalle dehnen sich bei Erwärmung aus. Fast alle Materie im Universum dehnt sich bei Erwärmung aus. Das ist unpraktisch. Das macht Brücken teurer. Das macht im Sommer manche Autobahn kaputt. Das erhöht den Durchmesser eines durch Gebrauch erhitzten Gewehrlaufs. Sollten Aliens chemische Projektilwaffen benutzen, wird auch bei ihnen der siebte Schuss weniger genau ausfallen als der sechste Schuss – es sei denn, sie hätten der Menschheit vollkommen unbekannte Werkstoffe entdeckt.

Man mag einwenden, dass der zu Grunde liegende Gradient beim G36 größer ist als bei anderen Gewehren. Dann verlässt man aber argumentativ den Bereich der objektiven Schwächen, und wendet sich einer willkürlichen Schwächedefinition zu.

Die Annahme, bis zu welchem willkürlich gewählten Schwellwert ein Effekt tolerabel sei, würde üblicherweise vor einem Beschaffungsvorgang in Form eines Lastenheftes festgeschrieben. Die Darstellung aus Ihrem Haus zu diesem Beschaffungsvorgang benennt nur folgende beiden Lasten:

  • Das zu beschaffende Gewehr sollte leichter sein als das G3.
  • Das zu beschaffende Gewehr sollte Munition im Kaliber 5,56 mm x 45 verschießen an Stelle des Kaliber 7,62 mm x 51 beim G3.

Es ging also um ein leichteres Gewehr, leichtere Munition (und ggf. leichtere Magazine). Der Ansatz klingt nach einer sehr guten Idee. Das kann ich aus erster Hand bestätigen, da ich längere Märsche mit G3 und 100 Schuß Munition erlebt habe. Sofern es um mehr Munition ging, klingt das ebenfalls nach einer guten Idee (G36 inkl. 240 Schuß wiegen laut Wikpedia ebenso viel wie G3 inkl. 100 Schuß – jeweils 7,35 Kg.) Nach 100 Schuß ohne zwischenzeitliche Abkühlung schießt jede Waffe der Welt ungenauer als beim ersten Schuß. Aber das G3 schoß nach 100 Schuss überhaupt nicht mehr. Dann war die Munition alle. So viel zu einer „objektiven Schwäche“ des G3.

Der Leichtbau hat offensichtlich seinen Preis, wie jeder nachvollziehen kann, der über ein wenig technisches Grundverständnis verfügt. Im Fall des G36 scheint der Preis beispielsweise in der Verwendung von Kunststoffteilen aus faserverstärktem Polyamid zur Verstärkung des Rohres zu bestehen. Es ist kein Staatsgeheimnis, dass ein solcher Thermoplast bei hoher Temperatur weich wird. Jenseits von 250° verflüssigt sich Polyamid 66 sogar.

Das reduzierte Kaliber bedingt offensichtlich ein leichteres Geschoß und eine reduzierte Geschoßenergie und folglich eine größere Anfälligkeit gegenüber Seitenwind etc. Man muß kein promovierter Wissenschaftler sein, um zu erkennen, dass auch das reduzierte Kaliber mit Nachteilen verbunden ist.

Frau Dr. von der Leyen, beim G36 scheint es sich um ein technisches Gerät mit Vor- und Nachteilen zu handeln, das von dem Ihnen unterstellten Ministerium mit Steuermitteln angeschafft wurde. Nun arbeiten Sie und das Ihnen unterstellte Ministerium daran, diesem Gewehr Mängel zuzuschreiben, und das Vertrauen der Soldaten in dieses Gewehr zu erschüttern. Folgende Zuschreibungen werden von Ihnen, auf bmvg.de und auf bundeswehr.de verbreitet:

  • „Präzisionsproblem des G36“,
  • „technische Mängel des G36“
  • „technische[] Defizite des G36“
  • „aufgedeckte[] Schwächen des G36“

Sie schlagen den Bogen vom Nachteil zum Mangel, ohne an irgendeiner Stelle das geringste Argument hierfür anzubringen. Mangel kann in diesem Zusammenhang nur bedeuten: mangelhafte Vertragserfüllung. Um das zu begründen, müssten Sie Einblick in die seinerzeitigen Verträge gewähren. Obwohl ich Ihnen unterstelle, dass Sie 25 Jahre nach Ihrer Promotion inzwischen den Wert von Originalquellen begriffen haben, stellen Sie der Öffentlichkeit keine Originalquellen, sondern lediglich nicht nachvollziehbare Bewertungen zur Verfügung. Ich verstehe, dass Sie die Begriffe Mangel und Defizit frisch in Ihren Sprachgebrauch übernommen haben, da die Öffentlichkeit grossen Anteil nimmt an den Mängeln und Defiziten Ihrer Doktorarbeit. Ich möchte hier kurz klären, warum diese Begriffe bei Ihrer Doktorarbeit angemessen sind, nicht aber im Zusammenhang mit dem G36.

Die Öffentlichkeit kann die Aussagen einer Sekundärquelle, wie dieser Artikel auf Focus.de sie darstellt, bewerten und die von Ihnen begangenen Regelverstöße nachvollziehen, weil in Deutschland bereits Schüler mit den Regeln des Zitierens eine definierte Sollvorgabe erlernen. Als Kennzeichnung der Abweichung von einer Sollvorgabe werden die Begriffe Mangel und Defizit im Zusammenhang mit Ihrer Doktorarbeit also zu Recht verwendet. Ohne Sollvorgabe und insbesondere ohne Abweichungen von einer Sollvorgabe sind die Begriffe Mangel und Defizit im Zusammenhang mit dem G36 dagegen nicht nur völlig unangemessen, sondern ist ihre Verwendung sogar riskant.

Die Öffentlichkeit kann nur spekulieren, dass die seinerzeit geschlossenen Verträge Zeugnis der Inkompetenz der Ihnen unterstellten Behörde waren, und zu peinlich sind, um sie jetzt herzuzeigen. Die Öffentlichkeit muss aktuell befürchten, dass aus aktueller Inkompetenz und Unmoral der politischen Führung begründete Schadensersatzforderungen des Herstellers erwachsen werden. Indem Sie heute die Begriffe technischer Nachteil und Mangel durcheinanderwerfen, betreiben Sie eine systematische und dem Anschein nach vorsätzliche Rufschädigung. Diese Rufschädigung kann offensichtlich juristische Konsequenzen haben, für die der Steuerzahler ggf. wird aufkommen müssen.

Zudem scheint es ein Munitionsthema zu geben, dass daher rührt, dass Ihre Behörde Blei aus der Munition verbannt hat, weil das als Schmiermittel wirkende Blei der Gesundheit der Schützen abträglich ist. Ohne dies Schmiermittel erhitzt sich der Lauf anscheinend stärker. So gut diese Idee unter ökologischen und gesundheitlichen Gesichtspunkten sein mag, ist es wohl offensichtlich, dass Nebenwirkungen zu erwarten sind, wenn man ein Schmiermittel weglässt, und dass man diese Nebenwirkungen vor so einer Entscheidung hätte genau untersuchen müssen.

Ausserdem entsteht der Eindruck, dass das Sturmgewehr G36 systematisch als Maschinengewehr zweckentfremdet werden sollte. Dieser Ansatz klingt auf den ersten Blick verlockend, jedenfalls wenn man, wie ich, bereits längere Märsche mit dem Maschinengewehr MG3 auf dem Rücken erlebt hat. Die 11,5 Kg des MG3 waren auf dem Rücken unhandlich, hart und schmerzhaft. Und der Kamerad mit der Munition hatte ebenfalls viel zu schleppen. Wie aber zwei Sturmgewehre ein Maschinengewehr ersetzen sollen, erschliesst sich mir nicht. Wikipedia berichtet von einem Leichten Maschinengewehr, das Ihre Behörde 1995 bestellte, und das mit schwererem Rohr ausgestattet sein sollte und deshalb vermutlich weniger stark von den aktuell diskutierten Nachteilen bei heissgeschossenem Rohr betroffen wäre. Dieses „LMG36“ sei dann nicht angeschafft worden, weil Ihre Behörde beschloss, dass das G36 seine Aufgaben übernehmen sollte. Doch weder G36 noch das leichte Maschinengewehr noch das G3 noch der Vorläufer von 1922, zu dem ich als Originalquelle diese Patentanmeldung ermittelt habe, verfügen über einen Kühlmechanismus.

Richtige Maschinengewehre verfügen aus guten Grund über einen richtigen Kühlmechanismus. Hiram Stevens Maxim und Louis Silverman meldeten beispielsweise am 25.08.1894 ein Maschinengewehr mit Wasserkühlung zum Patent an. Da ich Ihnen unterstelle, dass Sie 25 Jahre nach Ihrer Promotion inzwischen den Wert von Originalquellen begriffen haben, habe ich mir auch hier die Mühe gemacht, als Originalquelle die Patentanmeldung zu ermitteln. Auf Seite 3, Zeile 39 – 42 wird hier ein „water jacket“ für eine „very efficient cooling action“ beschrieben. Als bequem lesbare Sekundärquelle empfehle ich den Artikel Der Vater des Gemetzels auf Spiegel-online. Eine Wasserkühlung ist natürlich aufwändig und schwer. Das MG3 verzichtet darauf und verfügt statt dessen über einen wechselbaren Lauf. Ein heissgeschossener Lauf kann ausserhalb des Gewehrs – ggf. mit Hilfe von Wasser – abgekühlt werden. 

Frau Dr. von der Leyen, Sie sollten zitierfähige, verlinkbare Fakten bringen! Solange Sie diese nicht liefern, muss die Öffentlichkeit spekulieren, bzw. sich mit ungesicherten Quellen behelfen. Ich empfehle folgende Links zur weiterführenden Lektüre, weil die Dokumente immerhin eine starke innere Schlüssigkeit aufweisen:

  • Diese Vortragsfolien von Jochem Peelen zeigen, warum ein Sturmgewehr nicht ein Maschinengewehr ersetzen kann.
  • Der Untersuchungsbericht von Heckler & Koch vom Dezember 2013 „Untersuchung zum Streuungs- und Treffpunktverhalten der Waffe im heißgeschossenen Zustand gemäß sog. „Einsatznahem Beschusszyklus – EBZ“ der Deutschen Bundeswehr“ mag interessensgeleitet sein, aber er benennt nachvollziehbare Fakten. So wird beispielsweise die Definition des verwendeten Ziels nicht nur benannt (NATO-STANAG 4512-Brustziel) sondern auch im Detail erklärt und seine Wahl begründet.

Zurück zu den „objektiven Schwächen“. Fast alle technischen Effekte sind temperaturabhängig. So gesehen ist es auch eine „objektive Schwäche“ von Schokolade, dass sie in der Wärme schmilzt.

Frau Dr. von der Leyen, wenn ich wüsste, wie man in ein Universum ohne solche „objektive Schwächen“ reisen kann, würde ich mich gerne an Ihren Transportkosten beteiligen!

Last updated: Juni 6, 2016 at 7:59 am
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