Das Elefantenschiff

Prolog

Rania genoß das kühle Flusswasser, das ihre vier säulenartigen Beine umfloss. Wie köstlich das frische Wasser schmeckte! Ihr Durst war gestillt, doch sie wurde nicht müde, ihren Rüssel immer wieder einzutauchen, um ihren von der afrikanischen Sonne erhitzten Körper zu besprühen. Ein schwacher Windhauch strich zart über den dünnen Wasserfilm auf ihrer dicken Haut und verschaffte ihr angenehme Kühlung. 

Die ganze Herde genoß das Wasser. Die jüngeren Elefanten gingen ganz im Planschen und Spritzen auf, während die Alten vor allem die Entlastung liebten, die ihnen das Wasser verschaffte. Der Auftrieb des Wassers liess das Gewicht ihrer mehrere Tonnen schweren Körper auf einen Bruchteil schrumpfen.
Die Luft war erfüllt von wohligen Lauten der Zufriedenheit, ausgedrückt in der alten Sprache. Nichts war entspannender als Elefanten, die in der alten Sprache erklärten, wie wohl sie sich gerade fühlten. Doch dann vernahm Rania andere Töne. Sie erkannte mächtige Worte des Verbindens, der Zusammenkunft, die ihnen aus grosser Entfernung zugetragen wurden. Diese Worte lösten in Rania unmittelbar den Wunsch aus, zu derem Ursprung zu gelangen. 

Ranias Großmutter, die Leitkuh, wiederholte die Worte des Verbindens und bekräftigte sie mit Worten des Vertrauens. Sie erkannte die Ruferin, die alte und weise Suanna. So verliess ihre kleine Herde den Fluß und folgte den Rufen aus der Ferne. Stundenlang schritten sie durch die Savanne. Es musste bereits 15 Uhr sein, schätzte Rania mit Blick auf den Stand der Sonne. Denn so gut sie auch die alte Sprache verstand, so arbeitete ihr Verstand doch in der neuen Sprache. Sie benutzte Worte wie „15 Uhr“, für die es in der alten Sprache keine direkte Entsprechung gab. Die alte Sprache war gut geeignet, um die Veränderung des Landes zu beschreiben, das von Jahr zu Jahr trockener wurde. Ihren Schmerz über diese Veränderungen, die sie über Jahrzehnte hinweg beobachtete konnte ihre Großmutter in der alten Sprache angemessen ausdrücken. Doch das Verständnis der Ursachen dieser Veränderungen war erst mit der neuen Sprache gekommen. Mit der neuen Sprache hatten die Zweibeiner den Elefanten Einblick gegeben in Zusammenhänge, die ihnen bis dahin verschlossen gewesen waren. Deshalb war Rania bewusst, dass das Land, das ihre Herde durchstreifte, Teil eines Kontinentes war, der wiederum Teil eines Planeten war. Und dieser Planet erwärmte sich immer stärker. Daher die zunehmende Trockenheit. 

Als sie am Ziel ihrer Wanderung ankamen hatten sich dort bereits einige Herden versammelt. Weit über Hundert Artgenossen tauschten in der alten Sprache Worte der Sorge aus. Thema war offenbar eine Bedrohung durch die Zweibeiner. Selbstverständlich kannte die alte Sprache Worte für die Zweibeiner, denn Elefanten und Zweibeiner lebten seit hunderttausenden von Jahren nebeneinander auf diesem Kontinent. Doch worum es genau ging erschloss sich ihr nicht. Jede Herde benutzte die alte Sprache auf etwas andere Weise, hatte im Grunde eine eigene alte Sprache. Das erschwerte den Austausch enorm. Rania war erleichtert, als Suanna in die neue Sprache wechselte, denn jetzt würde sie genau erfahren, worum es eigentlich ging. Und sie war froh, dass Suanna technische Geräte verwendete, mit deren Hilfe ihre Stimme klar und deutlich zu verstehen war. Ohne solche Geräte war die neue Sprache kaum zu verstehen. Gleich mit ihren ersten Worten bestätigte Suanna Ranias Vermutung, dass es nicht um irgendwelche Zweibeiner ging, sondern einmal mehr um die Menschen. 

„Liebe Artgenossinnen,“ begann Suanna, „ich bin in Sorge wegen der Menschen, auch wenn sie uns vieles gegeben haben. Sie haben uns Geräte gegeben, ihre Sprache, ihr Wissen und ihre Wissenschaft. Mir haben sie künstliche Backenzähne gegeben, ohne die ich vorletztes Jahr verhungert wäre – so wie all unsere Vorfahren spätestens mit 65 Jahren elend verhungert sind. Die Menschen haben uns auch ungelöste Probleme gegeben, allen voran den Klimawandel, den sie nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Dummheit bewirken. Die Menschen scheinen weitaus weniger böswillig, als unsere Vorfahren vermutet haben. Und sie sind offensichtlich weit weniger klug. Nur wenn einmal ein Mensch einen klugen Gedanken hat, dann sind sie gut darin, diesen klugen Gedanken aufzuschreiben und weiterzuerzählen. Doch diesen Trick beherrschen wir jetzt auch. Und genau deswegen werdet ihr euch jetzt fragen, weshalb ich in der alten Sprache diese Versammlung einberufen habe anstatt meine Gedanken aufzuschreiben und euch mit elektronischer Post zu schicken.“ Das fragte sich Rania wirklich schon seit einer ganzen Weile. Doch dann erzählte Suanna von ihrer Entdeckung, dass die Menschen einander immer wieder getötet hatten, weil sie sich in Fragen von Besitz und Eigentum nicht einig wurden. „Kooperation und Teilen liegt in unserer Natur – und so unglaublich das klingen mag, das Gleiche gilt für die Menschen. Doch die meisten von ihnen haben beschlossen, individuelle Reichtümer anzuhäufen und somit gegen die eigene Natur zu leben. Deshalb lehnen sie jedes Wirtschaften, das auf Teilen basiert, umso heftiger ab.“ Daraus folgerte Suanna, dass es früher oder später zu Konflikten mit den Menschen kommen musste – sofern es den Elefanten gelänge, so etwas wie eine auf Teilen basierende Wirtschaft auf die Beine zu stellen. Und in solchen Konflikten würden manche der Geräte, die sie von den Menschen erhielten zu Werkzeugen der Überwachung werden. Nicht für jedes Problem hatte Suanna bereits eine Lösung gefunden, aber eine Schlussfolgerung war einfach und überzeugend: Sie durften sich nicht endgültig von der alten Sprache verabschieden, weil diese der sicherste Weg war, über weite Strecken zu kommunizieren. Im Gegenteil, sie mussten sich die Mühe machen, die alte Sprache zu vereinheitlichen. Rania graute bei diesem Gedanken. Welch fürchterliche Arbeit das werden würde! In Sprachen war sie so wenig gut wie ihre Artgenossen. Doch Suannas anderer Vorschlag war einfach. Was immer sie mit Hilfe elektronischer Geräte aufschrieben und verschickten sollten sie verschlüsseln. Verschlüsselung war Mathematik, und Mathematik lag den Elefanten. So sahen es anscheinend auch die meisten anderen Zuhörer, denn schon bald war die Luft erfüllt von Worten der Zustimmung in der alten Sprache, in die sich eine Diskussion von Detailfragen in der neuen Sprache mischte. Erst am nächsten Morgen gingen sie auseinander um die Botschaft auf die alte Art über den Kontinent zu verbreiten. 

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