Der Tag, an dem Ursula von der Leyen über ihr Archäologiestudium sprach

Im November 2008 gab die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen im Gespräch am Goldberg ein gut gehütetes Geheimnis preis. Nach dem Abitur habe sie zunächst Archäologie studiert.

Die Presseberichte im Gäuboten und im Böblinger Boten lassen an dieser Aussage keinen Zweifel. Und auch nicht der Schulbrief des Goldberg-Gymnasium Sindelfingen, das dies Gespräch ausrichtete.

Ein abgebrochenes Studium der Archäologie klingt zunächst nicht interessant. Kaum spannender als ein erfolgreich abgeschlossenes Archäologiestudium. Und auch nicht dramatischer als eine ungeklärte Lücke im Lebenslauf.

Verdacht: Manipulationen im Lebenslauf

Nur weil Ursula von der Leyen ihren Lebenslauf ansonsten manipuliert, ist ihre Auskunft vom 7.11.2008 so bemerkenswert. Ihre Doktorarbeit beinhaltet einen unterschriebenen Lebenslauf, der ihr abgebrochenes Studium der Volkswirtschaftslehre auf den Zeitraum 1976 – 1980 datiert. Ihre Unterschrift trägt das Datum 20.06.1990. Bis zum heutigen Tag behauptet von der Leyen durchgehend, sie habe im Anschluß an das Abitur mit dem Studium der Volkswirtschaft begonnen. Zum Beispiel auf ihrer Homepage. Sie scheint vorsätzlich Jahreszahlen zu fälschen, um eine „Archäologie-Lücke“ in ihrem Lebenslauf zu vertuschen.

Argumente gegen den Verdacht

Hätte von der Leyen am 20.06.1990 beschlossen, die Welt über ihren Studienverlauf zu belügen, dann würde sie doch nicht am 7.11.2008 aus freien Stücken „versehentlich“ die Wahrheit gesagt haben.

Von der Leyen sagte 2010 zu Hans-Jürgen Moritz vom Focus:
„Ich habe mein erstes Studium der Volkswirtschaft bereits nach dem Vordiplom geschmissen.“ (Quelle,) Wenn das nicht wahr wäre, würde sie das ja das Thema Anzahl abgebrochener Studien nicht aus freien Stücken angeschnitten haben. Das gleiche Argument gilt für folgende Äusserung gegenüber dem Focus: „Ich habe aber auch mal ein Studium abgebrochen.“ (Quelle.)

Zudem könnte von der Leyen ohne jede Täuschungsabsicht rein versehentlich einander widersprechende, wahrheitswidrige Angaben zu ihrem Lebenslauf machen. So wie sie auch frei von jeder Täuschungsabsicht in ihrer Doktorarbeit zig Plagiate beging. Und ohne Täuschungsabsicht folgende Falscherklärung unterschrieb: „Ich erkläre, dass ich ⌈…⌋ bei der Abfassung der Dissertation keine anderen als die dort aufgeführten Hilfsmittel benutzt habe“.

Argumente für den Verdacht

Die Uni Göttingen schmückt sich hier mit ihrer berühmten Studentin und datiert den Beginn ihres VWL-Studiums dabei auf das Jahr 1977. Die Uni hat sicherlich das korrekte Datum in den Akten und kein Motiv, die Jahreszahl zu fälschen.

Wenn von der Leyen beim Gespräch am Goldberg nicht über ein Archäologiestudium gesprochen hätte, wie wären dann die drei oben angegebenen Berichte von dem Gespräch am Goldberg zu erklären? Durch eine großangelegte Goldberg-Verschwörung? Ganz abgesehen von dem fehlenden Motiv eine sehr abstruse Vorstellung. Ich werte die Übernahme des Textes von Werner Held in den Schulbrief als dritte Quelle, weil es naheliegt, dass der Text von Teilnehmern der Veranstaltung geprüft wurde bevor man ihn übernahm.

Ich habe mit Teilnehmern gemailt und telefoniert, die beim Gespräch am Goldberg dabeiwaren. Natürlich erinnert sich nach fast zehn Jahren nicht jeder an jede Aussage von der Leyens. Aber ich habe einen Teilnehmer gefunden, der sich daran erinnert, dass von der Leyen über ihr Archäologiestudium sprach.

Folgerungen

Mein Vertrauen in die Redlichkeit von der Leyens ist erschüttert. Ich denke nicht, dass die Bundesrepublik Deutschland ihr irgendein Ministerium anvertrauen sollte.