Über die Lügner

Bis 2017 interessierte ich mich nicht für Lügner. Mein eigenes Gedächtnis ist schon immer zu schlecht gewesen, als dass ich Lügengespinste überhaupt weben könnte. Ich hatte also kaum Zugang zu dem Thema.

Mittlerweile ist mir klar, dass mein Selbstbild (ich Lüge nicht, weil mein Gedächtnis nicht dafür taugt) weder korrekt noch originell ist.

Bezug zu Michel de Montaigne

Bereits im 16. Jahrhundert hat Montaigne in seinen Essais erklärt, dass er zum Lügen ein zu schlechtes Gedächtnis habe. Diesen Umstand hob er gleich im ersten Absatz hervor von Buch 1, Kapitel 9, Über die Lügner . Die Kapitelüberschrift sowie die Initialbuchstaben übernehme ich, um die Parallele zu Montaigne zu unterstreichen. (Gemeinfreier Originaltext, gemeinfreie deutsche Übersetzung, allerdings lückenhaft, unnummeriert und ohne Kapitel 9)

Wie heutige Blogger hat sich Montaigne in den Essais aus Sicht eines informierten Amateurs zu den verschiedensten Themen geäußert. Sicherlich war er hochgebildet, und als Richter und Bürgermeister in sehr vielen Bereichen sachverständig. Doch ich gehe davon aus, dass er selber sich nicht als Experte für all die Themenfelder betrachtete, zu denen er sich äußerte. So habe ich das zumindest am ccfs gelernt. Wäre ich Montaigne-Experte, dann wüsste ich wohl Belege für diese These. Typisch Blogger, spekuliere ich jenseits meiner Expertise: Montaigne hätte gebloggt, hätte es seinerzeit das Internet schon gegeben. So nutzte er den Buchdruck, das modernste Medium seiner Zeit.

Zufallstreffer in von der Leyens Dissertation brachte mich auf Thema Lüge

Zufällig bin ich im Sommer 2017 auf das Thema Lüge gestossen. Angeregt durch von der Leyens Plagiatsaffäre beschaffte ich mir damals aus reiner Neugier von der Leyens Dissertation . Ich hatte nicht die Erwartung, darin irgend etwas Spektakuläres zu entdecken, was den Ehrenamtlichen von vroniplag entgangen wäre. Ich hoffte lediglich, eine Reproduktion der Unterschrift von der Leyens darin zu finden unter deren Erklärung, nicht plagiiert zu haben. Wollte ich damit einen bissigen Kommentar dekorieren? Ich kann es nicht mehr sagen. Und Voilà, die unterschriebene Erklärung war tatsächlich an Ort und Stelle. Siehe Bild rechts.

Bis dahin hatte ich von Leyen keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, sie nur rein auf der Sachebene für Mangel an Sachkenntnis und Fehlentscheidungen kritisiert. So hatte ich 2015 von der Leyen hier darauf hingewiesen, dass das G36 für Einsätze in Europa durchaus geeignet sei. Also für Einsätze, die den verfassungsmässigen Auftrag der Bundeswehr berücksichtigen. Wie ich auch Frank-Walter Steinmeier hier darauf hingewiesen habe, dass Atomwaffen in deutschen Händen weder Buchstaben noch Geist des Atomwaffensperrvertrags entsprechen.

Zunächst nahm ich an von der Leyens Dissertation nur die schockierend schwache Qualität auf allen Ebenen war. Diese Mängel betreffen nicht nur Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten (Weißraum, Füllstoff, falsche zeitliche Zuordnungen im historischen Exkurs, sinnfreie Wiederholungen von Daten in Diagrammen), sonden auch den Kern ihrer wissenschaftlichen Arbeit, in der sie den zentralen Begriff Gravidität verwendet, ohne die von ihr exakt gemeinte Bedeutung anzugeben. Sie wird wohl gewusst haben, was sie tat und lediglich vergessen haben, dies auch dem Leser mitzuteilen. Doch es besteht die Möglichkeit, dass sie diesen zentralen Begriff nicht erklärt hat, weil ihr nicht klar war, wie erklärungsbedürftig er ist. Wenn von der Leyen ihre Probandinnen gefragt haben sollte, wie oft diese zuvor schwanger gewesen seien und ohne weitere Reflektion aus den Antworten ihrer Probandinnen auf die Anzahl ihrer Graviditäten im wissenschaftlichen Sinne geschlossen hat, dann stellt das m.E. den Wert der gesamten Arbeit in Frage.

Von der Leyen hat mit Daten geschludert

Gravidität ist ein Fachbegriff, den von der Leyen sicherlich aus gutem Grund im Abschnitt 5. in der Tabelle auf Seite 35 unten anführt. Damit erklärt sie – sicherlich zu Recht – dass die Anzahl der Graviditäten ihrer Probandinnen wichtig bzw. zumindest erwähnenswert ist. Doch leider gibt sie in dieser Tabelle irgendwelche Zahlenwerte an, deren Bedeutung nicht mehr rekonstruierbar ist. Sie hat entweder die relevanten Daten nie gehabt, weil sie bei der Erhebung der Daten Mist gebaut hat, oder sie hatte die Daten, aber diese sind verloren gegangen, weil von der Leyen bei der Niederschrift Mist gebaut hat. Selbst wenn ich mich täuschte, und die Anzahl der Graviditäten ihrer Probandinnen im Rahmen ihrer Arbeit nur von geringer Bedeutung gewesen wären, bliebe der Fehler trotzdem gravierend. Wissenschaftlich arbeiten bedeutet, sorgsam mit Daten umzugehen. Häufig weiss man ja erst im Nachgang, welche Daten wichtig sind. Ich vermute, dass von der Leyen sowohl bei der Erhebung, als auch bei der Niederschrift Mist gebaut hat. Ihre Methodik stelle ich mir wie folgt vor:

  • Von der Leyen: Wie oft waren sie in der Vergangenheit schwanger?
  • Probandin: 3 mal.
  • Von der Leyen trägt die Zahl 3 in ihren Fragebogen ein.
  • Bei der Niederschrift ersetzt von der Leyen den umgangssprachlichen Begriff „schwanger“ durch den pompösen Begriff „Gravidität“.

Tatsächlich hat von der Leyen vermutlich niemals eine Antwort auf eine wissenschaftlich präzise Frage bekommen, weil sie sich wohl nicht einmal der Notwendigkeit bewusst war, so zu fragen, dass die Antwort eindeutig interpretierbar ist. Wir müssen annahmen, dass die Probandinnen keine Expertinnen für das Phänomen Schwangerschaft waren. Deshalb kann die Zahl „3“ in diesem Beispiel stehen für:

  • Anzahl der Lebendgeburten
  • Anzahl der Entbindungen inkl. Totgeburten
  • Anzahl der tatsächlichen bewusst erlebten Schwangerschaften mit der Randbedingung, dass die Probandin sehr früh und intensiv mit Schwangerschaftstests gearbeitet hat
  • Anzahl der tatsächlichen bewusst erlebten Schwangerschaften mit der Randbedingung, dass die Probandin ignorant war und jeweils extrem spät auf Schwangerschaften aufmerksam wurde.
  • Anzahl aller Schwangerschaften. Das entspricht zwar der theoretischen Bedeutung des Begriffs Gravidität, kann aber eigentlich nicht gemeint sein. Denn man muss nicht Medizin studiert haben, um zu wissen, dass die Anzahl aller Schwangerschaften im Leben einer Frau im Allgemeinen nicht bekannt ist, auch nicht der betroffenen Frau selber.

Dieser Problematik hätte von der Leyen mit einer präzisen Formulierung ihrer Frage begegnen können. Nach meinem Verständnis wäre es pragmatisch und sinnvoll gewesen, nach der Anzahl der Entbindungen inkl. Totgeburten zu fragen und dies dann als Bedeutung des Begriffs „Gravidität“ zu definieren. Und es wäre sicherlich eine gute Idee gewesen, einen Muster-Fragebogen mit dem genauen Wortlaut dieser Frage als Anhang beizufügen. Ich kann als Elektroingenieur natürlich nicht mit Sicherheit beurteilen, ob die Anzahl der Entbindungen inkl. Totgeburten in von der Leyens Arbeit die relevante Größe war. Doch meine Allgemeinbildung besagt, dass die Anzahl der Entbindungen für die Elastizität der bei der Geburt relevanten Körperteile von Bedeutung ist. Die erste Geburt soll die schwerste sein, heisst es.
Ganz abgesehen vom Verlust dieser Daten: Wie kann es sein, dass von der Leyen beim absoluten Kern ihrer Kernkompetenz offenbar derart sorglos gearbeitet hat?

Manipulationen im Lebenslauf

Unstimmigkeiten in ihrem Lebenslauf, die durch Versehen kaum zu erklären sind, bilden aus meiner Sicht gleichsam den krönenden Abschluß der Causa von der Leyen. Ab 2017 versuchte ich, die Wahrheit hinter von der Leyens Falschbehauptungen aufzudecken. Von der Leyen verweigerte diesbezüglich leider jegliche Auskunft. Der entscheidende Durchbruch kam, als ich den Tag, an dem Ursula von der Leyen über ihr Archäologiestudium sprach bestimmen konnte. Am 18.02.2018 akzeptierte Wikipedia dann meine Rechercheergebnisse, die ich als User 91.53.73.33 eingereicht hatte.

Es dauerte dann noch ein Jahr, bis von der Leyen von ihren Lügen abrückte und ihr Archäologiestudium auf ihrem Internetauftritt einräumte. Das tat sie allerdings nur wenige Monate lang, wie diese Übersicht im Internet-Archiv zeigt. Seit August liegt die Domain ursula-von-der-leyen.de vollkommen brach. Dafür war am 18. Juli 2019 eine für ganz Europa bestimmte Fassung Ihres Lebenslaufs am Start, in der sie das Archäologiestudium wieder verschwieg, aber wenigstens nicht hinter Lügen versteckte. Mittlerweile wurde diese Fassung durch einen gekürzten Lebenslauf ersetzt. Da jetzt Schulzeit und Studienzeit komplett fehlen, entsteht keine befremdliche Lücke. Und nichts spricht dafür, dass sie diese besonders knappe Darstellung bewusst gewählt hat, um die Besonderheiten ihres Studienverlaufs zu verbergen. Denn der Lebenslauf ihres Vorgängers Jean-Claude Juncker folgte exakt dem gleichen Schema.

Konrad Adenauer Stiftung deckt von der Leyen

Die KAS schreibt zu von der Leyens Lebenslauf wie folgt: „Ihr Abitur am mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium in Lehrte besteht sie mit der Note „sehr gut“. Anschließend studiert sie Volkswirtschaftslehre in Göttingen, Münster und London.“ (Quelle: KAS)
Dieser Text geht anscheinend nicht auf die zahlreich verfügbaren lückenhaften Versionen zurück, sondern auf die wahrheitswidrige Darstellung von der Leyens von 1990. Seit zwei Jahren hat die KAS Kenntnis von den Zweifeln an den von ihr behaupteten Tatsachen. Trotzdem lässt die KAS diesen Text online – und rechtfertigt ihn mit zum Teil abenteuerlichen Begründungen, siehe: Konrad-Adenauer-Stiftung deckt von der Leyen.

Brockhaus bestätigte naive Sicht auf die Lüge

Irgendwann kam ich auf die Idee, meine Sicht auf das Phänomen Lüge zu hinterfragen. Doch mein Brockhaus bestärkte mich in meiner ziemlich kompromisslosen Ablehnung der Lüge mit der folgenden Definition:
Lüge, bewußt falsche Aussage; auf Täuschung angelegte Aussage; sie liegt auch dann vor, wenn Tatsachen mit Absicht verschwiegen oder entstellt wiedergegeben werden. Da →Wahrhaftigkeit eine der Grundlagen des menschl. Zusammenlebens und eine Forderung der Selbstachtung ist, stimmen alle Richtungen der Ethik in der Verwerfung der Lüge überein. […] nicht immer als verwerflich gelten die >konventionellen< Lügen (z.B. Gebrauch von Höflichkeitsformeln), ggf. die Notlüge; […]“ Der Brockhaus behandelt dann noch weitere Spezialfälle, in denen Lügen ggf. nicht verwerflich seien. Mittlerweile ist mir bewußt, wie unzureichend dieser Eintrag ist. Meine ursprünglich sehr rigide, ablehnende Haltung gegenüber der Lüge hat sich gewandelt. Doch dazu später mehr.

Gezielter Treffer bei Axel Voss

Axel Voss und die Diskussion um Uploadfilter und DSGVO haben mich zu dem Schluß geführt, dass Voss wie von der Leyen ein schlechter Mensch ist, der Falsches tut. Seinen Lebenslauf betrachtete ich im Frühjahr 2019 deshalb mit dem Ziel, Belege für Fehlverhalten zu finden. Die fehlende Sachkunde von Axel Voss pfiffen seinerzeit die Spatzen von den Dächern. Deshalb habe ich ihn in meinem Beitrag „Bitte digitale Wohnungstüren nicht eintreten“ nicht einmal erwähnt. Mein Beitrag Angriff auf das Tor-Netzwerk ist natürlich im Kontext der Diskussion um die DGSVO entstanden – aber ohne Axel Voss oder die DGSVO zu benennen. Die DGSVO ist zu gut erforscht, als dass ich zu ihr viel hätte inhaltlich beitragen können. Wer sich für den Kampf von Axel Voss gegen den Schutz persönlicher Daten interessiert, sei hier an LobbyPlag verwiesen. Ich klopfte also seinen Lebenslauf auf nachweisbare Lügen ab und wurde hier fündig. Damit muss ich mir zwar den Vorwurf gefallen lassen, ich führe einen Angriff auf die Person Axel Voss anstatt diesem mit Argumenten begegnen. Das geschieht jedoch nicht aus einem Mangel an Sachargumenten, sondern weil diese sattsam bekannt und bereits abgenutzt sind. Die Formulierung „schlechte Menschen, die Falsches tun“ geht übrigens auf Max Goldt zurück. Goldt legt diese Aussage in‪ Der Krapfen auf dem Sims nicht irgendeinem Protagonisten in den Mund, sondern beschreibt damit direkt aus seiner Sicht als Autor die Mitarbeiter der Bild.

Literaturempfehlungen zum Thema Lüge

Erst im Januar 2020 kam ich auf die Idee, mich zum Thema Lüge zu belesen. Eigentlich hatte ich einen einzigen Besuch in der Hamburger Staatsbibliothek geplant, um ein paar Quellen zum Thema Growian zu überprüfen. Daraus wurden fünf lange Nachmittage in der Bibliothek. Doch es hat sich gelohnt. Ich hatte zuvor keine Vorstellung vom Umfang meiner Wissenslücken gehabt. Nun kann ich folgende Leseempfehlungen geben:

Lügen im Alltag – Zustandekommen und Bewertung kommunikativer Täuschungen dokumentiert die Forschung einer Psychologin, weshalb für theoretische Betrachtungen nur begrenzt Platz ist. Aus meiner Sicht ein absoluter Glücksfall. Kapitel 4 Das Bewertungs-Dilemma liefert auf nur 5 großgedruckten Seiten einen perfekten Einstieg in das Thema. Übersichtlich und gut nachvollziehbar benennt und erklärt Schmidt drei wesentliche Standpunkte.

  • Begründung der negativen Wertigkeit, das bedeutet: kompromisslose Ablehnung der Lüge. Dafür gelten Augustinus und Kant als Paradebeispiele. Jeannette Schmidt Geht jedoch vor allem auf eine moderne Philosophin ein, Sissela Bok, und deren Buch Lying von 1978. Diese Denkart ist offensichtlich nicht ausgestorben – auch wenn ich mittlerweile denke, dass ihr Aussterben kein Verlust wäre. Sie funktioniert zwar schlüssig, aber setzt letztlich voraus, dass Wahrheit ein höheres Gut ist als Gesundheit oder das Leben selbst.
  • Ausnahmen der negativen Wertigkeit in diesem Absatz stellt Schmidt einige unbeantwortete Fragen. Sie reißt den Begriff antisoziale Wahrhaftigkeit mit den Beispielen Verrat und Denunziation an und gibt mir damit gut zu denken. Ich habe nicht den Eindruck, dass dieser Ansatz widerspruchsfrei funktionieren kann.
  • Gegenmodell: neutrale Wertung. Lügen ist demnach eine Handlung, deren Wert nur durch ihr Ziel und ihre Konsequenzen bestimmt wird. Schmidt lässt ihren Standpunkt durchblicken, indem sie ein wertendes Zitat wiedergibt: „Dieser amoralische Blick auf die Lüge hat überdies den Vorteil, daß sich der Beobachter dem Lügner nicht automatisch moralisch überlegen fühlt“ (Die von Schmidt angegebene Quelle Realities and Relationships habe ich nicht betrachtet)

Schmidt präsentiert diese Modelle, ohne ausdrücklich Partei zu ergreifen und doch fühle ich mich sanft zum dritten Standpunkt geführt. Schmidts wissenschaftliche Arbeit besteht in der Erhebung der Einstellungen zum Thema Lüge, die ihre Probanden vertreten. Schmidts eigene Einstellung tut dafür wenig zur Sache. Umgekehrt tut Schmidts wissenschaftliche Arbeit für mich eigentlich nichts zur Sache – und doch habe ich mit Vergnügen in Kapitel 5 geblättert, das die Methodik der Interviews erklärt, die Sie mit ihren Probanden geführt hat, und in Tabelle A.I auf Seite 285 geschaut, in der sie die Antworthäufigkeiten darstellt.

Die Kunst des Lügens ist das Werk einer Professorin für Philosophie. Es befasst sich in aller Tiefe mit der Bewertung der Lüge. Gerne würde ich aus dem vierten und letzten Kapitel (Schlussbetrachtung: Lügen in Privatleben und Politik) zitieren und die beiden Kernargumente für den Anspruch wiedergeben, gerade in der Politik müsse es wahrhaftig zugehen. Doch der Text ist für eine wörtliche Übernahme viel zu lang und ausführlich. Dietz’ Ausführungen zum Demokratieargument erstrecken sich über mehr als vier Seiten (die Wähler können die gewählten Volksvertreter nur dann kontrollieren, wenn sie zutreffend informiert werden.) Zum Diskursargument schreibt Dietz eine Seite (Der Diskurs der politischen Öffentlichkeit soll bestimmen, welches Argument als das bessere, welche Entscheidung als die richtige gelten sollen.) Wer sich gründlich mit dem Thema Lüge befassen möchte, tut wohl gut daran, sich durch alle 167 eng bedruckten Seiten von Dietz Arbeit zu kämpfen.

A companion to Greek rhetoric vermittelt einen guten Einblick in Stellenwert und Ausprägungen der Redekunst im antiken Griechenland. Eine elektronische Ausgabe dieses Buchs habe ich seit Januar immer dabei. Sie hilft mir, unser kulturelles Erbe besser zu verstehen und wird die freien Minuten meines Jahres 2020 sicherlich noch sehr bereichern.

Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne ist hier im Projekt Gutenberg verfügbar. Nietzsches Kernthese ist, dass Verstellung, Täuschung und Lüge in der Natur des Menschen liege. Nietzsche sagt, „[…] daß fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte.“ Folgender Gedanke hat mich am meisten beeindruckt: „wahrhaft zu sein, das heißt die usuellen Metaphern zu brauchen, also moralisch ausgedrückt: von der Verpflichtung, nach einer festen Konvention zu lügen, herdenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen.“

Truth : engagements across philosophical traditions  weist eine geringere Schnittmenge zum Thema Lüge auf, als ich beim Blick ins Inhaltsverzeichnis erwartet hatte. Das erste Kapitel On Truth and Lies in a Nonmoral Sense stellt eine Übersetzung des zuvor genannten Essays von Nietzsche dar – auf den ich sonst nie gestossen wäre. Allein dafür hat es sich gelohnt, Truth auszuleihen. Und vielleicht lese ich in den kommenden Monaten ja doch noch weitere Texte daraus. Dem elektronischen Medium ist zu danken, dass ich es nicht zurückgeben muss, und ggf. später die Gelegenheit nutzen kann, mehr darin zu lesen.

Why Leaders Lie räumt mit dem Vorurteil auf, dass Politiker dauernd lügen. Mearsheimer hat einen mitreissenden Text geschrieben zu einem Thema, das, wie Mearsheimer schon in der Einleitung anschaulich beschreibt, in jeder Zuhörerschaft auf Interesse stößt: „Yet no argument I make is more controversial and generates more discussion than my claim that statesmen and diplomats do not lie to each other very often“ (preface viii)

„Furthermore, leaders appear to be more likely to lie to their own people about foreign policy issues than to other countries. That certainly seems to be true for democracies that pursue ambitious foreign policies and are inclined to initiate wars of choice, i.e., when there is no clear and imminent danger to a country’s vital interests that can only be dealt with by force. Of course, that description fits the United States over the past seventy years, and, not surprisingly, American presidents have told their fellow citizens a number of important lies about foreign policy matters over those seven decades.“ (Seite 6.)

Kapitel 6 „National Myths“ hat mir besonders gut gefallen. Meine Lieblingsstelle ist das Beispiel eines französischen Gesetzes von 2005, das für Lehrmaterial eine Beschönigung, wenn nicht Glorifizierung der französischen Kolonialgeschichte vorschreibt: „This need to accentuate the positive in a nation‘s past is reflected in a law passed by the French government in February 2003, which mandated that high school history courses and textbooks must henceforth emphasize the positive aspects of French colonialism.4“ (Seite 72) Mearsheimer nennt hierfür als Quelle den Beitrag France is haunted by an inability to confront its past in der Financial Times. Dass diese Quelle auch heute noch zugänglich ist macht dieses Beispiel für mich natürlich doppelt wertvoll. Der Beitrag liegt hinter einer Paywall. Ich habe einen Euro Eintrittsgebühr für die Financial Times berappt und kann Ihnen versichern: den Euro war mir der Beitrag wert. Obwohl ich mittlerweile zu dem Thema einen ganzen Wikipedia Artikel gefunden habe: Loi portant reconnaissance de la Nation et contribution nationale en faveur des Français rapatriés. Und darüber auch den ursprünglichen Gesetzestext.

Ich werde mich wohl schon bei meinem nächsten Besuch in der Staatsbibliothek von Why Leaders Lie trennen – doch ich gebe das Buch nur höchst ungern wieder her.

Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – Die Weltgeschichte der Lüge Mit diesem Buch bin ich leider nicht warm geworden, obwohl es das Thema hervorragend abrundet. Der Dialog zwischen Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt plätschert auf über zweihundert Seiten dahin, ohne mich mitzunehmen. Da hilft auch der farbige Druck nicht, obwohl ich schon mit Michael Endes unendlicher Geschichte farbig gesetzten Text lieben gelernt habe. Weit davon entfernt, dieses Buch durchzulesen, habe ich beim Blättern immerhin ein Schaf entdeckt. Die Episode mit dem Schaf auf Seite 47f. ist meine Lieblingsstelle, und sie ist wirklich gut:

D.H. Erzählen Sie lieber von dem Schaf.

R.W. Das Schaf. Genau. Galilei beschreibt in seiner Versuchsanordnung, wie er die Rinne, durch die er die Kugel laufen lässt, mit poliertem Pergament aus Schafshaut auskleidet, um den Rollwiderstand zu minimieren.

D.H. Er hat also für seine Experimente Schafe gehäutet. Und? Reden Sie hier als Tierschützer?

R.W. Passen Sie auf: Galileis Rinne war lang, sehr lang, viel länger als das längste Schaf der Welt.

D.H. Er wird mehrere Schafe zusammengenäht haben. Oder die Schafe waren damals länger als heute.

R.W. Waren sie nicht! Und mehrere Schafe zusammennähen, das ergibt unschöne Nähte, hässliche Wülste, Schwellen, die den Lauf einer Kugel verlangsamen. Das haben sie bei Galilei aber nicht getan. Seine Ergebnisse stimmen exakt mit seinen theoretisch ermittelten Gesetzmäßigkeiten überein.

D.H. Sie meinen –

R.W. Galilei hat nicht ein Experiment mit der schiefen Ebene durchgeführt, das meine ich!

D.H. Galilei ein Schwindler? Wenn Berthold Brecht das erfährt!

R.W. Wo Sie gerade Schwindler sagen, fällt mir direkt noch einer ein…

Bibliographie

Bünger, T., Willemsen, R., & Hildebrandt, D. (2007). “Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!”: Die Weltgeschichte der Lüge. Fischer.
Nietzsche, F. (1922). Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne. Unzeitgemässe Betrachtungen. Kröner; /z-wcorg/.
Goldt, M. (2003). Der Krapfen auf dem Sims: Betrachtungen, Essays u.a. Rowohlt-Taschenbuch-Verl.
Leyen, U. G. von der. (1990). C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung. /z-wcorg/.
Montaigne, M. E. de, Stilett, H., & Montaigne, M. E. de. (1998). Essais (1.-20. Tsd). Eichborn.
Mearsheimer, J. J. (2011). Why leaders lie: the truth about lying in international politics. Oxford Univ. Press.
Wood, D., Medina, J., & ebrary, Inc (Eds.). (2005). Truth: engagements across philosophical traditions. Blackwell Pub.
Worthington, I. (Ed.). (2007). A companion to Greek rhetoric. Blackwell.
Dietz, S. (2003). Die Kunst des Lügens: eine sprachliche Fähigkeit und ihr moralischer Wert (Orig.-Ausg). Rowohlt-Taschenbuch-Verl.
Schmid, J. (2000). Lügen im Alltag - Zustandekommen und Bewertung kommunikativer Täuschungen. Lit.
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