Wie der Westen dem Iran die Demokratie austrieb

Denkanstöße gegen das Vorurteil, die Menschen im Iran seien nicht reif für die Demokratie.

Der Iran verschmolz im 15 Jh. zu einer nationalen Einheit, also vier Jahrhunderte vor Deutschland. Während das Deutsche Reich 1871 gleich mit einem parlamentarischen System an den Start ging, wurde im Iran erst im Zuge der Konstitutionellen Revolution1906 ein Parlament eingerichtet. Innere und von außen (insbesondere Briten und Russen) angeheizte Konflikte wurden durch Entdeckung des großen Ölreichtums 1908 noch verschärft. Ihrer römischen DNS folgend, waren Briten und Russen kaum daran interessiert, im Iran Entwicklungshilfe zu leisten, sondern sie wollten dort Beute machen. Die Wirren führten zu einem Parlament 2.0 im Jahr 1909 und dessen Auflösung 1912.

Auf Wikipedia werden diese Wirren wie folgt nachgezeichnet: „Russland gewährte Mohammed Ali Schah einen Privatkredit, mit dem er Schlägertruppen finanzierte, die gegen einzelne Parlamentarier vorgingen. 1908 kam es dann zur Auflösung des ersten gewählten iranischen Parlaments, nachdem das Parlamentsgebäude am 23. August 1908 von Kosaken beschossen und zerstört worden war. Großbritannien hatte sich vollständig aus den Vorgängen in der russischen Zone herausgehalten. Ein zweites Mal griffen reguläre russischen Truppen 1911 in Persien ein und lösten das zweite gewählte Parlament Persiens 1912 auf. […] Die konstitutionelle Bewegung in Persien war zum zweiten Mal durch Russland in ihrem Vorhaben, ein demokratisch legitimiertes parlamentarisches System in Persien aufzubauen, gestoppt worden. Auch dieses Mal hielt sich Großbritannien an das 1907 geschlossene Abkommen und griff nicht in die politischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und Persien ein.“

Mein Brockhaus wählt eine passive Formulierung, um die Täter im Hintergund zu halten: „1907 wurde das Land in eine britische (im Südosten), eine russische (im Nordwesten) und eine neutrale Zone aufgeteilt und damit während des Ersten Weltkriegs ein Spielball fremder Mächte.“

Die Fremdherrschaft endete nach dem ersten Weltkrieg, und unter Reza Schah Pahlavi gelang eine Modernisierung des Landes. Diese Phase endete mit dem Anglo- Sowjetischen Überfall auf den Iran im Jahr 1941. Mein Brockhaus umschreibt diesen Überfall schockierend euphemistisch: „Da Schah Resa den deutschen Einfluß stark gefördert hatte (Industrialisierung und öffentliche Bautätigkeit mit deutscher Hilfe), galt er im Zweiten Weltkrieg als Freund der Achsenmächte und mußte, nachdem britische (später auch amerikanische) und sowjetische Truppen seit 1941 Iran besetzt hatten, am 16.9.1941 zugunsten seines Sohns Mohammed Resa auf den Thron verzichten.“ Nach meinem Verständnis handelte es sich hierbei um einen im gleichen Maße völkerrechtswidrigen Angriffskrieg wie der deutsch- sowjetische Überfall auf Polen 1939 völkerrechtswidrig gewesen war. Und was soll „galt als Freund“ bitte aussagen? Der Iran war im völkerrechtlichen Sinn neutral. Zugegeben, Deutsche hatte in der Kolonialzeit weltweit weniger Grausamkeiten begangen als Briten, die sich beispielsweise in den Opiumkriegen mit China als größte Drogendealer der Weltgeschichte hervorgetan hatten. Vielleicht waren die Deutschen im Iran wie in vielen anderen Ländern weniger verhasst als die Briten. Aber das ist eine müßige Spekulation, und tut angesichts eines Bruchs des Völkerrechts wohl nichts zur Sache.

Wenige Tage nach der Verkündung der Altlantik-Charta mit dem Bekenntnis zum Selbstbestimmungsrecht der Völker durch Roosevelt und Churchill wurde also um des kurzfristigen logistischen Vorteils Willen die Neutralität Irans missachtet, und die Atlantik-Charta gewissermaßen in die Tonne gedrückt. Der Iran war mal wieder im Weg. Und in dem Zuge wurde genau der Schah installiert, der später zur Hassfigur der 68er wurde, der Chomeini und die Islamische Revolution von 1979 erst ermöglichte.

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es noch einmal einen Dreh zur Demokratie, und einen gewählten Ministerpräsident. Mossadegh schaffte es als „man of the year 1951“ sogar auf das Cover des Time Magazine. Dadurch sollte Mossadegh keineswegs als besonders begabter Politiker ausgezeichnet werden. Im Gegenteil, in der Titelgeschichte des Time Magazine wird er als anstrengend, undiplomatisch und die westlichen Gesprächspartner überfordernd dargestellt. Time begründet die Wahl zum Mann des Jahres damit, dass der Westen zu lernen habe, mit Staatschefs wie Mossadegh umzugehen: „Mossadegh, by Western standards an appalling caricature of a statesman, was a fair sample of what the West would have to work with in the Middle East. To sit back and deplore him was to run away from the issue. For a long time, relations with the Middle East would mean relations with men such as Mossadegh, some better, some much worse.“

Westliche Politiker sind häufig weniger klug als westliche Journalisten. Das führte zur Operation Ajax. Denn ihrer römischen DNS folgend waren die Briten auch 1953 kaum daran interessiert, im Iran Entwicklungshilfe zu leisten, sondern sie wollten dort Beute machen – also die Iranischen Ölquellen ausbeuten, als wären es ihre eigenen. Die US-amerikanische Rolle hierbei hat Barrack Obama in einer bemerkenswerten Rede vom 4.6.2009 in Kairo thematisiert.

Mein Brockhaus schreibt dazu: „[Mossadegh löste] einen außenpolitischen Konflikt mit Großbritannien aus, unter dessen Führung nun eine Blockade der iranischen Ölindustrie vor allem durch die westlichen Abnehmerländer einsetzte. Als Mossadegh im Zuge einer Verfassungsreform die Rechte des Schah einzuschränken suchte, stürzte ihn die Armee im August 1953.“ Da ist selbst der CIA glaubwürdiger als der Brockhaus, die ehemals geheimen Akten des CIA sind auf den Seiten des National Security Archive mittlerweile einsehbar.

Das war es dann mit der Demokratie im Iran. Nach über 40 Jahren zündeln hatte der Westen es geschafft, dem Iran die Demokratie auszutreiben, und den Nahen Osten in Brand zu setzen.

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